Die Macht politischer Sprache

by Elisabeth Wehling, published in DAAD Letter 

Die Macht, die Sprache auf unser politisches Denken und Handeln ausübt, wird bis heute von vielen Bürgern, Politikern und Medienschaffenden vollkommen unterschätzt. Das liegt primär daran, dass wir völlig veraltete Vorstellungen davon haben, wie Sprache und Denken eigentlich funktionieren. Bis heute gehen viele davon aus, Denken fände vom Körper unabhängig statt. Wir hätten also einen Ratio, eine Vernunft, die getrennt ist von Emotionen und anderen Dinge, die wir als „körperlich“ einordnen, wie etwa Sinneseindrücke und Bewegungen.

 

Tatsächlich aber ist unser Verstand – unser Denken – auf das engste verflochten mit unserem Körper. Was ja bei genauer Betrachtung gar nicht so sehr erstaunt, denn Denken findet nun einmal im Gehirn statt, und das Gehirn ist ja fraglos Teil unseres Körpers. Unser Gehirn aktiviert beim Begreifen von Ideen und Worten eine Vielfalt körperlicher Erfahrungen. Die Kognitionswissenschaft nennt dieses Phänomen Embodied Cognition, also „verkörperlichte Kognition“.

 

Wann immer wir ein Wort hören, aktiviert unser Gehirn einen sogenannten Frame, also einen „Deutungsrahmen“, der unsere Welterfahrung zu dem Wort umfasst. Also all das, was wir aus unserer direkten Interaktion mit der Welt zu dem Konzept gelernt und im Gehirn abgespeichert haben. Dazu gehören etwa Bewegungen, Bilder, Gerüche, Geschmäcke, Geräusche und Emotionen: Wer Worte wie „dreckig“ und „schmierig“ liest, dessen Gehirn simuliert physischen Ekel. Wer „laufen“ oder „springen“ liest, dessen Gehirn simuliert im prämotorischen Zentrum Fußbewegungen. Wer „Zimt“ liest, dessen Gehirn wirft das Geruchszentrum an, und wer „Salz“ liest, dessen Geschmackszentrum wird aktiv. Nun, und sind Frames erst über Sprache aufgerufen worden, so bestimmen sie, wie wir eine Sache wahrnehmen und uns verhalten.

 

So, kommen wir also zur Politik. Die Politik ist sprachlich und gedanklich eine wahre Herausforderung, denn: der Mammutanteil politischer Ideen ist abstrakt! Oder haben Sie schon einmal Steuern angefasst, die soziale Marktwirtschaft gesehen, Sozialhilfe gerochen oder Umweltschutz gehört? Nein, natürlich nicht. Es gibt in unserer Erfahrungswelt keinen direkten Zugang zu diesen Ideen. Deshalb denken und sprechen wir über sie in Form sogenannter konzeptueller Metaphern. Konzeptuelle Metaphern helfen uns, abstrakte Dinge an direkte Erfahrungen anzubinden. Unsere Steuerdebatte etwa wimmelt nur so von Metaphern, die Steuern körperlich erfahrbar machen: Steuerbürde und Steuererleichterung machen Steuern zu einer schweren Last, Steueroase und Steuerparadies machen Orte mit Niedrigbesteuerung zu eine Ort des Schutzes und der Seligkeit. In unseren Debatten zur Fluchtbewegung aus Kriegsgebieten wie Syrien in Richtung europäischer Länder sprechen wir von einer Flüchtlingswelle, Flüchtlingsflut und sogar einem Flüchtlingstsunami und stellen fest, dass immer mehr Flüchtlinge ins Land strömten. Die Metapher, nämlich Flüchtlinge als Wassermassen, birgt eine Reihe implizierter Schlussfolgerungen, die unser kollektives Denken und Handeln rund im die Situation prägen: Flüchtlinge sind eine bedrohliche Flutwelle, die Länder, die von dieser Flut getroffen werden, sind die Opfer der Situation. Sie müssen sich abschotten gegen die Wassermassen, um ihr Wohlergehen und ihre Besitztümer zu schützen. Die Metapher schreibt Europa die Opferrolle zu, und sie entmenschlicht die Flüchtlinge: Das Bild von Wassermassen lässt keinen Raum für Individualität und Empathie.

Es ist völlig eindeutig: Frames – und insbesondere metaphorische Frames – prägen in erheblichem Umfang unsere politische Gestaltung! Sie binden abstrakte politische Konzepte über Simulationsprozesse unmittelbar an unsere Erfahrungswelt an, und machen sie damit „körperlich“. Und sind solche Frames erst einmal aktiviert – ja wem kann man dann noch vorwerfen, dass er von einer Steuerlast befreit und vor einer Flüchtlingswelle beschützt werden möchte! 

Sich den Einfluss von Sprache auf unser politisches Denken und Gestalten bewusst zu machen, das zählt heute zu den dringlichsten Aufgaben all jener, die demokra-tisch Politik gestalten: Bürger, Politik und Medien. Noch immer fehlt es an Bewusst-sein darüber, was die moderne Kognitionswissenschaft schon lange predigt: Spra-che ist keine Ergänzung zu politischer Gestaltung. Sprache ist politische Gestaltung.