It's a Man's Word: Beim Thema Sexismus verschlägt es den Deutschen die Sprache

by Elisabeth Wehling, published in Konkret

Das Thema Sexismus ist neu angekommen in Deutschland. Nach der Silvesternacht 2015 stand es für Wochen auf dem politischen Tagesmenü. „Sexualisierte Gewalt“ wurde zum Lieblingswort vieler Journalisten, Politiker und Bürger. Mehr Schutz vor Übergriffen wurde gefordert, die Politik reformierte ein wenig. Das „Nein“ zu sexuellen Handlungen etwa soll künftig als Indiz einer möglichen Nötigung oder Vergewaltigung gelten. Langsam, so scheint es, erkennt Deutschland seine sexistischen Altlasten und will sich von ihnen lösen.

Allerdings, es geht ungelenk vonstatten. Es hakt, im medialen Diskurs wie in der politischen Gestaltung. Seit April 2016 liegt ein Entwurf der Bundesregierung zur Änderung des Prostitutionsgesetzes vor. Wer Frauen einkauft, wissend, dass sie aus finanzieller oder persönlicher Not heraus angeboten werden, macht sich strafbar. Diese Sichtweise, die suggeriert, Frauen würden in aller Regel abseits solcher Zwänge verkauft, ist bestenfalls blauäugig. Die Osteuropäerinnen, die 80 Prozent der in Deutschland verkauften Frauen ausmachen, können nicht gemeint sein. Die über 50 Prozent prostituierter Frauen, die ihren Körper laut Studien als Erwachsene „freiwillig“ verkaufen, nachdem sie als Kinder sexuell missbraucht wurden, auch nicht.

Der fragwürdige Gesetzesentwurf passt in das Negativbild, das sich die Weltgemeinschaft schon länger gezwungenermaßen von uns macht. Deutschland beklatscht den Verkauf von Frauen an Männer augenzwinkernd als Zeichen sexueller Freiheit und Selbstbestimmung und ignoriert derweil internationale Abkommen zum Schutz vor sexueller Ausbeutung. Beispielsweise die UN-Konvention zur Bekämpfung des Menschenhandels und der Ausbeutung von Prostituierten, die besagt, Prostitution sei mit der Würde und dem Wert des Menschen unvereinbar, der Handel mit Frauen müsse bestraft werden. 91 Staaten unterzeichneten. Deutschland nicht. Und während Europa beginnt, Frauenkauf zu verbieten – etwa Norwegen, Schweden, Island und Nordirland, bald Irland und Frankreich – kaufen in Deutschland weiterhin täglich 1,2 Millionen Männer sexuellen Zugriff auf Frauen. Besonders begehrt scheinen Jugendliche. „Teenager“ war 2015 die meistabgerufene Kategorie im Geschäft mit der Online-Prostitution in deutschen Haushalten. Eine Anhebung des Mindestalters für den Verkauf der eigenen Sexualität von 18 auf 21 Jahren wies die Politik zurück, unter anderem schränke das die Berufsfreiheit jugendlicher Frauen ein. Zu dieser Freiheit zählt im Zeitalter der Online-Prostitution vor allem auch, sich von Männern missbrauchen und dabei filmen zu lassen. Eine Auswertung zeigte jüngst, dass über 80 Prozent der beliebtesten Online-Pornos körperliche Gewalt zeigen, wie Schläge, Würgen oder Anspucken, abgesehen von anderen noch brutaleren Dingen. Knapp 50 Prozent enthalten verbale Demütigungen wie „dumme Nutte“, „dreckige Hure“ oder „Stück Scheiße“. Längst hat die Gehirn- und Verhaltensforschung im flutartig Anstieg der Online-Prostitution ein wesentliches sozialpsychologisches Thema erkannt. Auf Hochtouren erforscht man unter anderem, wie sich der Konsum auf die eigene Sexualität und die Wahrnehmung von Frauen niederschlägt. Viele Ergebnisse alarmieren. So sprechen sich etwa Studienteilnehmer, denen Pornographie gezeigt wird, danach stärker gegen den Schutz von Frauen aus, befinden sie eher als mitschuldig an sexuellen Übergriffen, frei nach dem Prinzip „Sie hat es nicht anders gewollt“. Vielerorts gehört es bereits zum guten Ton, diese Forschung in den öffentlichen Diskurs zu integriert. Etwa in den USA, wo das renommierte Time Magazine im April eine Titelgeschichte zum Problemthema „Porn“ laufen ließ.

Es ist überdeutlich, Deutschland tut sich schwer mit dem Thema Sexismus – trotz aller Studien, Statistiken und Zahlen, die uns ebenso zur Verfügung stehen wie den Journalisten, Politikern und Bürgern anderer Länder. Wie schwer, das führte uns unlängst auch die TV-Sendung „Hart aber Fair“ vor Augen. Dort diskutierte man im Herbst 2015 derart unbeholfen zum Thema, dass man geradewegs in einen Eklat schlingerte. Es hagelte Kritik, die Sendung wurde aus dem Online-Archiv entfernt. Noch mehr Kritik war die Folge. Die Sendung wurde wieder eingestellt und man tat etwas in der Sendungsgeschichte Einmaliges: Die Gäste wurden erneut eingeladen, man diskutierte das Ganze da capo. Wirklich besser wurde es nicht.

Aus Sicht der modernen Kognitions- und Sprachforschung erstaunt es nicht, dass Deutsche beim Sexismus mit sich hadern. Uns fehlt der sprachliche Zugang zum Thema. Da stellt ein echtes Problem dar, denn es sind nicht Fakten an und für sich, die unsere Wahrnehmung der Welt und unsere Entscheidungen prägen, sondern die sprachlichen Deutungsrahmen, in denen sie vermittelt werden. Die immense Relevanz der Sprache für unser Denken und Handeln ist schnell erklärt. So befinden beispielsweise in Experimenten spanische Teilnehmer, Brücken seien ‚stark’ und ‚gefährlich’, während Deutsche diese als ‚elegant’ und ‚grazil’ einordnen. Der Grund: das spanische Wort für Brücke ist männlich (el puente), das deutsche hingegen weiblich (die Brücke), jeweilige stereotype Geschlechtermerkmale werden unbewusst auf den Gegenstand übertragen. Eine weitere Studie zeigt, wie sich sprachliche Deutungsrahmen über die Wahrnehmung hinaus bis in die Handlungsfähigkeit erstrecken. Man analysierte Korrelationen zwischen den Namen von Wirbelstürmen und ihrer Todesopfer und fand heraus: „Weibliche“ Stürme forderten mehr Tote, denn sie wurden unbewusst als weniger gefährlich eingestuft als „männliche“ Stürme, Menschen brachten sich nicht rechtzeitig in Sicherheit.

Sprache ist tatsächlich der Dreh- und Angelpunkt politischen Denkens und Handelns. Dinge, für die es keine passenden Begriffe gibt, lassen sich nicht nur schlecht diskutieren – sie lassen sich auch nicht verlässlich denken und in politische Handlungen umsetzen. „Hypokognition“ nennt die Kognitionsforschung dieses Problem. In den deutschen Diskursen zum Sexismus ist es allgegenwärtig.

Die „sexualisierte“ Gewalt, die 2016 zum Modewort wurde, ist ein gutes Beispiel. Der Begriff ist linguistischer Murks. Seine Bedeutung ist für das Gehirn nicht nur schwer fassbar, sondern führt gedanklich an dem Phänomen vorbei, dass beschrieben werden soll. „Sexualisieren“ bedeutet, die Sexualität von etwas in den Vordergrund zu stellen. In diesem Falle also die Gewalt. Die Sexualität des Opfers findet in dem Begriff nicht statt. Anders wäre das, spräche man von „sexualisierender“ Gewalt, also Übergriffen, die das Opfer sexualisieren. Damit käme man dem Kernproblem zumindest näher. Oder man könnte gleich das benennen, worum es geht. Nämlich Gewalt, die die Unversehrtheit der Opfer kompromittiert, indem sie deren sexuelle Körperlichkeit und Intimität verletzt. Kurzum: „sexuelle“ Gewalt, oder, in Anlehnung an „Sexualdelikt“, „Sexualgewalt“.

Auch unsere Debatten zum Thema „Frauen als Objekte“ ringen mit immensen Hypokognitions-Problemen. Viele Frauen machen nach wie vor die Erfahrung, wie Objekte behandelt zu werden. Und auch Werbung und Medien verkaufen Frauen und ihre Körper nach wie vor gerne. Was dabei niemandem aufzufallen scheint: Für diese Handlung gibt es kein Wort! Der Playboy objektifiziert die Frauen? Die Vergegenständlichung von Frauen durch die Werbeindustrie kommt oft ziemlich primitiv daher? Und nicht nur das Verb fehlt, sondern auch Adverb und Adjektiv. Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter möchte Ihnen am sonntäglichen Frühstückstisch von Problemen in der Disko berichten: Papa, ich habe mich letzte Nacht total objektifiziert gefühlt? Die vergegenständlichte Frau auf dem Plakat in der U-Bahn fand ich ganz schön geschmacklos? Nicht wirklich. Auch hier greift das Gesetz der Hypokognition: Was nicht ausdrückbar ist, ob in Familie, Klassenzimmer, Beruf oder Politik, das ist schwer denkbar und handelnd umzusetzen.

Als letztes Beispiel sei die „Misogynie“ genannt – das aus dem Griechischen stammende Wort gibt es zwar im Deutschen. Doch seine Relevanz im alltäglichen Denken und Sprechen geht gen Null. Misogynie bedeutet im Kern die Idee, dass Frauen minderwertig und dem Manne von Natur aus untergeordnet sind. Der Begriff bezeichnet im Englischen – dort ist er gängig – zum Beispiel Handlungen gegen Frauen aufgrund ihres Geschlechts, vom Mobbing am Arbeitsplatz über das vulgäre Anmachen auf der Straße bis hin zur medialen Darstellung von Frauen als uneigenständig und dem Mann gefügig. Die deutsche Sprache kennt kein Pendant zu dem Begriff – diese wichtige Idee ist im Deutschen schlicht nicht ausdrückbar, und damit auch nur schwer denk- und diskutierbar.

Zwar haben wir Alternativen, wie „Frauenfeindlichkeit“ und „Frauenhass“. Allerdings, sie funktionieren nicht, denn sie sind in aller Regel unzutreffend. Menschen, die Frauen als dem Manne unterstellt wahrnehmen, haben weder feindliche Gefühle gegenüber Frauen, noch hassen sie diese. Sie glauben schlichtweg, dass es für Frauen besser ist, vom Mann kontrolliert, versorgt und beschützt zu werden. Patriarchalische Strukturen sind in diesem Denken ein Ausdruck von Liebe und Verantwortung für die Frau. Und auch wer als Mann eine Frau auf der Straße vulgär anmacht, hasst sie nicht, sondern will vielmehr soziale Kontrolle über sie ausüben, wenn auch nur für einen flüchtigen Moment.

Der Begriff „Frauenhass“ ist auch deshalb mit Vorsicht zu genießen, weil viele ihm automatisch das Konzept vom feministischen „Männerhass“ gegenüber stellen. Und damit gießt man Öl in das größte und gefährlichste Feuer, das unsere Sexismus-Debatte kennt: Die Idee, es ginge bei dem Schutz der Frauen vor Benachteiligung und Herabwürdigung um einen Kampf zwischen den Geschlechtern. Dieser Mythos ist so weit verbreitet, wie er unzutreffend ist.

Viele Frauen denken anti-feministisch, verhalten sich sexistisch. Viele Männer stellen sich gegen den Sexismus und befürworten feministische Politik. Die politische Spaltung zu diesem Thema betrifft zwar die Ungleichbehandlung der Geschlechter – aber sie ist keine Spaltung zwischen den Geschlechtern, sondern eine ideologische Spaltung.

Die moderne Ideologieforschung kennt sie als die Spaltung zwischen dem „fürsorglichen“ und dem „strengen“ Wertemodell. Das „fürsorgliche“ Modell gründet auf Werten wie Empathie, Schutz vor psychischer und körperlicher Gewalt und der Gleichwertigkeit von Menschen. Positionen, die sich für die Politik typischerweise aus ihm ergeben, sind soziale Fürsorge, Verbraucher- und Umweltschutz und Schutz vor Diskriminierung, etwa von Homosexuellen, Muslimen, Schwarzen oder eben Frauen. Das „strenge“ Modell hingegen hebt Werte hervor wie Wettkampf und Disziplin, eine naturgegebene Rangordnung unter Menschen und die Relevanz männlicher Autoritäten für geordnetes Miteinander und die Verteidigung von Familie und Land. Klassische politische Positionen des „strengen“ Modells sind beispielsweise Niedrigbesteuerung, das Eheverbot für Homosexuelle und das Abtreibungsverbot und die Befürwortung von Waffenbesitz, Militäreinsetzen und strengen Verhörmethoden.

Wer eine „fürsorgliche“ Ideologie hat, stellt sich politisch in der Regel gegen den Sexismus, denn er wird als ein Schadennehmen am Wohle und an der Unversehrtheit gleichwertiger Mitmenschen begriffen. Wer hingegen eine „strenge“ Weltsicht hat, lehnt eher den Feminismus ab, denn er wird als unmoralischer Eingriff in die natürliche Ordnung und in das Kräftemessen im offenen Wettbewerb gesehen.

Während also „fürsorgliche“ Politik mehr Schutz und Unterstützung für Frauen will, machen viele Begriffe in der Debatte die ideologische Grundlage dieses Anliegens nur schwer vermittelbar. Darunter fallen auch ganz zentrale Begriffe, wie „Rechte für Frauen“, „Frauenquote“ und „Frauenpolitik“. Die werden zwar kollektiv über ideologische Lager hinweg bemüht, liefern aber eine moralische Bewertungen der Situation, die eher „strengen“ Werten entspricht.

„Rechte für Frauen“ aktiviert einen Deutungsrahmen der ungleichen Behandlung von Männer und Frauen. Man tut etwas „für“ Frauen. Sie erfahren eine Extrabehandlung. Die Männer hingegen bekommen nichts, was sie sich nicht aus eigener Kraft verdienen. All das steckt tatsächlich in dem Wörtchen „für“. Man tut etwas für einen Freund, hat ein Geschenk für einen Freund. „Für“ impliziert, dass man etwas Positives bekommt, ohne etwas dafür zu tun. Die Bezeichnung „Rechte für Frauen“ lädt geradewegs zu ideologisch „strenger“ Empörung ein: Es ist falsch, Menschen Dinge zukommen zu lassen, die sie sich nicht im fairen Wettstreit mit anderen erarbeitet haben! Ein entgegengesetzter Deutungsrahmen würde aktiviert, spräche man von Rechten „gegen“ die Entmündigung, „gegen“ die systemische Benachteiligung, „gegen“ die sexuelle Ausbeutung und Herabwürdigung von Frauen. Denn sich gegen etwas zu positionieren bedeutet, einer negativen Sache Einhalt zu gebieten, sie zu stoppen. Eine Sprache also, die das „fürsorgliche“ Anliegen, Menschen vor Schaden zu schützen, in den Vordergrund stellen würde.

Auch der Begriff „Frauenquote“ ist ideologisch einseitig. Er fragt, wie viele Frauen mindestens in einem jeweiligen Kontext eingestellt sein müssen. Die unbewusste Schlussfolgerung: es wird festgelegt, wie viel Raum Frauen einnehmen und dabei Männer aus eben diesem Raum verdrängen werden. Die Sache wird als eine Frage der Bevorteilung von Frauen zum Nachteil der Männer begriffen. Ein ganz anderer Blick auf die Sache würde vermittelt, spräche man von einer „Männerquote“. Mit dieser Bezeichnung würde man fragen, wie viel Raum höchsten von Männern eingenommen werden sollte, wie viel Raum jeweils für Frauen frei bleiben müsse. Nicht zuletzt könnte man natürlich auch ganz neutral von einer „Geschlechterquote“ sprechen.

Selbst Begriffe wie „Frauenbeauftragte“, „Frauenpolitik“ und „Frauenschutzhäuser“ können aus Sicht der modernen Kognitions- und Sprachforschung ein echtes Problem darstellen. Denn sie erschweren „fürsorgliche“ Politikgestaltung in solchen Bereichen, in denen es tatsächlich um den besonderen Schutz von Frauen angesichts geschlechtsspezifischer Sicherheitslücken in unserer Gesellschaft geht. Zum Beispiel das Risiko von Frauen, Opfer häuslicher Gewalt, sexueller Ausbeutung durch Prostitution, sexueller Übergriffe oder der öffentlichen Herabwürdigung durch vulgäre Anmachen und Drohungen im öffentlichen Raum zu werden. Bezeichnungen wie „Frauenpolitik“ betonen die Frauen als Opfer der Situation. Was sprachlich und gedanklich unter den Tisch fällt, sind die Ursachen der besonderen Bedrohungen, die Frauen in unserer Gesellschaft erleben – nämlich gewaltbereite Männer und eine Kultur, die Gewalt gegen Frauen toleriert oder sogar propagiert, inklusive einer Politik, die sich nicht schützend vor Frauen und Mädchen stellt.