Alles, nur bitte keine "Political Correctness"

by Elisabeth Wehling, published in Forschung & Lehre

Während manche meinen, Political Correctness sei zentral für ein anständiges Mitei-nander, belächeln andere sie als gutmenschliches Gedöns oder prangern sie an als staatliche Bevormundung. Aber wieso eigentlich? 

Darauf hat die Kognitions- und Ideologieforschung eine Antwort: Bei der Frage der Political Correctness kollidieren zwei ideologische Grundtypen, und zwar die „stren-ge“ und „fürsorgliche“ Weltsicht. Jeder von uns nutzt wenigstens eine der beiden, wenn es darum geht, Verhaltensweisen moralisch zu bewerten, ob in Familie, Beruf oder Politik. Im Politischen, so hat die Forschung gezeigt, führt die „strenge“ Sicht zu konservativen und die „fürsorgliche“ zu progressiven Positionen. Wer beide nutzt, also je nach Anlass die ideologische Perspektive wechselt, steht in der politischen Mitte. 

Vor dem Hintergrund dieser beiden ideologischen Grundtypen ist die Political Cor-rectness ein spannender Fall. Die inhaltliche Idee, Menschen nicht sprachlich herab-zuwürdigen, entspringt der „fürsorglichen“ Weltsicht. Das Wort Political Correctness allerdings aktiviert etwas ganz anderes, nämlich die „strenge“ Perspektive auf die-sen „fürsorglichen“ Handlungsvorschlag. Die Spannung zwischen Idee und Sprache ist brisant – und dass das sprachliche Label über das gesamte politische Spektrum hinweg genutzt wird ebenso. 

In der Sache geht es bei der Political Correctness darum, Menschen nicht über Spra-che zu schaden. Dazu gehören etwa Menschen, die Frauen sind, die keine weiße Haut haben, die geistig oder körperlich verletzt sind. Die Idee ist in zwei Kernwerten der „fürsorglichen“ Weltsicht verankert, der Empathie – also dem Sich-In-Andere-Hineinversetzen-Können – und dem Schutz von Mitmenschen vor psychischem und körperlichem Schaden. Typische „fürsorgliche“ Positionen, die sich in der Politik aus diesen Werten ergeben, sind der progressive Strafvollzug, der Verbraucher- und Umweltschutz und eben der Schutz vor Diskriminierung und (a-)sozialer Agitation. 

Der Begriff Political Correctness kommuniziert allerdings keine „fürsorglichen“ Wer-te, das moralische Anliegen wird sprachlich nicht auf den Punkt gebracht.

Der Begriff wurde in den Neunzigern in den USA von Vertreter der „strengen“ Welt-sicht eingeführt und speist sich aus deren Vorstellung, dass es eine natürliche Ord-nung gibt, nach der manche Menschen stärker und andere schwächer sind. Wer nicht zu den Starken gehört, hat die Chance, sich über Wettkampf mit anderen fit zu machen. Ein Eingreifen der Politik in diesen Wettkampf entmündigt die Schwachen und beraubt sie der Chance, Stärke zu entwickeln. „Tough love“ heißt das Prinzip. Unterstützung und Sorgsamkeit im Umgang mit sozial Schwachen wird als Verhät-scheln und übergriffiges Reglementieren durch die Politik begriffen. Andere typi-sche „strenge“ Positionen die sich aus dieser Wertevorstellung speisen sind die De-regulierung des Marktes und der Abbau sozialer Infrastruktur.

Der Begriff Political Correctness entspricht dieser Ideologie. Er erweckt einen be-stimmten Deutungsrahmen, in der Kognitionswissenschaft Frame genannt. Dieser Deutungsrahmen führt zu einer ganzen Reihe automatischer Schlussfolgerungen darüber, worum es eigentlich geht. Übrigens aktiviert jedes Wort, das wir nutzen, solch einen Frame in unserem Gehirn. Das ist völlig normal. Spannend wird es, wenn ein Frame eine ideologische Sichtweise impliziert.

Der Frame, der durch Political Correctness aktiviert wird, erzählt von politischer Bevormundung und Einmischung, nicht aber von Empathie und Schutz. Wie das? Nun, erstens wird die Sache als „politisch“ benannt, was hervorhebt, dass es hier um die Einmischung durch die Politik geht, und nicht etwa um den herabwürdigenden Umgang mit seinen Mitmenschen. Ein ganz anderer Frame würde schon erweckt, spräche man von „menschlich korrekt“. Zweitens rückt das Wort „korrekt“ die Ange-legenheit ab vom intuitiven alltäglichen Miteinander. Sich „korrekt“ zu verhalten bedeutet nämlich, Gepflogenheiten einzuhalten, also nach externen Normen und Regeln zu agieren, im Zweifel entgegen dem Verhalten, das man in einem weniger reglementierten Kontext an den Tag legen würde. Eine andere Wirkung hätte schon ein Begriff wie „menschlich anständig“. Die Betonung von „korrekt“ liegt auf Regle-mentierung durch andere, nicht dem Abgleichen mit einem verinnerlichten morali-schen Kompass und der Frage: Schade ich jemandem, wenn ich bestimmte Begriffe nutze? 
 
Womit wir bei einer wichtigen Frage sind: Kann denn Sprache wirklich schaden? Ist es de facto ein Problem, wenn wir von „Negern“, „Tussis“, „Krüppeln“ oder „Schwu-lis“ sprechen? Ist es nicht lächerlich, dass wir uns den „Negerkuss“, dieses deutsche kulinarische Kulturgut, verbieten? Sollten wir nicht von den „Mädels“ sprechen dür-fen, wenn sich die „feschen“ Landesvorsitzenden der CDU und SPD einen Landtags-wahlkampf in Rheinland-Pfalz liefern? Sollten wir nicht Klaus Wowereit mit einem freundlichen Augenzwinkern den erfolgreichsten „Schwuli“ Berlins nennen dürfen? 

Neger, Mädels, Schwuli – geht das denn wirklich nicht? Doch, natürlich, das geht, es ist zumindest nicht verboten. Nur zwei Dinge gilt es dabei im Kopf zu behalten. 

Erstens, man sortiert damit seine Mitmenschen nach Merkmalen, die dazu dienen, bestimmte soziale Bewertungsmuster zu befördern. Nämlich die Idee einer „natur-gegebenen“ Abstufung menschlicher Wertigkeit und Würde: Männer über Frauen, Weiße über Schwarze, Heteros über Homos, Gesunde über Kranke, Junge über Alte, Reiche über Arme, Schöne über Nichtschöne, Gebildete über Nichtgebildete und so weiter. Diesen Blick auf die Welt kennt die Ideologieforschung als ein Denken ge-mäß der sogenannten Moral Order. Sie spielt in der „strengen“ Ideologie eine zentra-le Rolle. Wer aus dieser Weltsicht heraus über Menschen denkt, der braucht sich über die Auswirkung seiner Sprache tatsächlich keine Gedanken zu machen. Denn kleinmachende oder herabwürdigende Begriffe wie „Neger“ für Afrikaner, „Mädels“ für gestandene Politikerinnen oder „Schwulis“ für Männer, die sich in andere Män-ner verlieben, widersprechen dem eigenen Blick auf die Welt ja gar nicht, ganz im Gegenteil. Man propagiert über „politische Nicht-Korrektheit“ die eigene Weltsicht, und das ist in einer Demokratie zunächst einmal völlig legitim. 

Die zweite Sache, die es zu bedenken gilt, hat mit der Frage zu tun, ob man Sprache überhaupt so viel Bedeutung beimessen sollte. Afrikaner, Neger – ist das nicht Jacke wie Hose? Die Antwort der Kognitionsforschung ist unmissverständlich: Nein, ist es nicht. Denn die Frames, die etwa über rassistische oder frauenfeindliche Sprech-muster aktiviert werden, schlagen sich direkt in unserer sozialen Wahrnehmung und unserem Verhalten nieder. Wir denken und handeln, wie wir sprechen! Das zeigt die Forschung eindrucksvoll. So verhalten sich Teilnehmer in Forschungsstu-dien zum Beispiel signifikant unhöflicher gegenüber anderen Menschen, wenn sie zuvor Worte lesen, die rüdes Verhalten implizieren – wie „schroff“ oder „grob“. Und hier wird dann auch schnell klar: Öffentliche Sprache ist politisches Handeln. Denn nicht nur die Worte, die wir selbst nutzen, sondern auch jene, die wir hören oder lesen, schlagen sich direkt in unserer Wahrnehmung der Welt und unserem Sozial-verhalten nieder. 

Und somit ist die Political Correctness tatsächlich ein Auftrag derjenigen Politik, die einer „fürsorglichen“ Ideologie folgt – nur sollte sie einen Begriff nutzen, in dem die moralische Prämisse ihres Anliegens deutlich wird.