Wie der "Flüchtling" unser unbewusstes Denken steuert

by Elisabeth Wehling, published in Carta

Die Gesellschaft für deutsche Sprache wählte es zum Wort des Jahres 2015. Doch aus Sicht der kognitiven Linguistik ist das Wort „Flüchtling“ problematisch. Es aktiviert einen gedanklichen Deutungsrahmen, in der Wissenschaft Frame genannt, der unserem Gehirn eine Reihe bewertender Schlussfolgerungen über die Situation mitliefert. Und die Forschung weiß: Es sind Frames, nicht etwa Fakten an und für sich, die unser politisches Denken und Handeln anleiten – ohne dass wir es bewusst wahrnehmen. Der Frame, der über das Wort „Flüchtling“ aktiviert wird, hat drei Komponenten, die uns zumindest nachdenklich stimmen sollten.

Erstens ist das Suffix „–ling“ ein Diminutiv, eine Verkleinerungsform. Es lässt uns Dinge als „klein“ denken: Setzling, Liebling, Frischling, Keimling. Darüber hinaus wird das Suffix heute regelmäßig abwertend gebraucht. Das geschieht über konzeptuelle Metaphern, die im Gehirn existieren. Die Abwertung von Dingen über „– ling“ basiert auf zwei Metaphern: Unwichtig Ist Klein und Unmoralisch Ist Klein. Aufgrund der ersten Metapher sagen wir etwa „Das ist keine große Sache“ und meinen, etwas sei nicht wichtig. Aufgrund der zweiten Metapher sagen wir „Jemand hat sich kleinlich verhalten“, jemand hat sich also schlecht verhalten. Die abwertende Funktion des Suffixes „-ling“ zeigt sich etwa in Begriffen wie Schwächling, Widerling, Schreiberling, oder Schönling.

Zweitens ist der Begriff „Flüchtling“ im Deutschen männlich. Wenn Begriffen ein bestimmtes Geschlecht zugewiesen wird, so belegen Studien, schlägt sich das direkt in unserer Wahrnehmung des Begriffsinhaltes nieder, und zwar ohne dass wir es merken. So nehmen etwa deutsche Brücken als „elegant“ und „grazil“, also stereotyp weiblich wahr (die Brücke), Spanier hingegen als „stark“ und „gefährlich“, also stereotyp männlich (el puente). Indem wir Flüchtlinge als männlich begreifbar machen, assoziieren wir entsprechende Merkmale – mit allen Konsequenzen, die sich aus unserem stereotypen Begreifen von „Männlichkeit“ ergeben. Darüber hinaus bewirkt es, dass Frauen und Kinder als Teil der Gruppe gedanklich zunächst einmal unter den Tisch gekehrt werden.

Drittens profiliert das Wort „Flüchtling“ einen ganz bestimmten Aspekt der politischen Situation, nämlich das Flüchten, das Sich-Weg-Bewegen. Dabei werden die augenscheinlichste Ursache der Situation – das Vertrieben-Werden – und eine erste Lösung der Situation – das Schutz-Erhalten – gedanklich vernachlässigt. Würden die Menschen als „Vertriebene“ oder „Schutzsuchende“ bezeichnet, würden Ursache oder Hilfe hervorgehoben. Das Wort „Schutzsuchende“ würde im Übrigen auch „Asyl“-Suchende von „Chancen“-Suchenden unterscheiden.

Schwierig ist es auch mit dem Begriff „Flüchtlingskrise“. Wie jedes Wort aktiviert auch „Krise“ einen Frame in unseren Köpfen. Und der aktivierte Frame birgt unbewusste Schlussfolgerungen, die in direktem Gegensatz zu der tatsächlichen Situation stehen. Zum einen ist eine „Krise“ immer zeitlich begrenzt. Deshalb sprechen wir auch von „Dauerkrise“, wenn es darum geht, begreifbar zu machen, dass ein schlechter Zustand länger als nur für den durch „Krise“ gekennzeichneten Zeitraum anhält. Die sogenannte Flüchtlingskrise ist aber nicht zeitlich begrenzt. Zum anderen benennt „Krise“ den Höhe- oder Wendepunkt einer Negativsituation. Deshalb sprechen wir auch davon, dass Krisen sich „anbahnen“.

So sich auch systemisch bedingt die jetzige Situation über Jahre und Jahrzehnte hinweg angebahnt haben mag, eine Wende ist nicht in Sicht. Der Frame von der „Krise“ ist also verfehlt. Und weil wir das zumindest erahnen, sprechen wir denn auch von der „anhaltenden“ Krise. Allerdings behalten wir den Begriff „Krise“ bei. Wir zögern – sprachlich und gedanklich – uns in die Idee einzukaufen, dass es sich nicht um eine bald endende Situation handelt. Passender wäre es, von einer „Katastrophe“ zu sprechen, für die Lösungen gefunden werden müssen.

Die Bedeutung der Sprache, die wir in dieser Debatte nutzen, kann überhaupt nicht hoch genug eingeschätzt werden. Wir wissen aus der kognitionswissenschaftlichen Forschung: Sprache lenkt unser Denken und verfestigt es, indem sie neuronale Vernetzungen im Gehirn stärkt. Unsere Sprachkonvention zu der „Flüchtlingskrise“ wird zu unserer kollektiven Denkkonvention – mit allen Konsequenzen für unser kurz- und langfristiges politisches Handeln.