US-Vorwahlen: Ja, wir können!

by Elisabeth Wehling, published in Frankfurter Rundschau

Yes, we can. Es sind nur drei Worte, aber es sind Worte, die für eine ganze Weltsicht stehen. Sie sind, an seinem Siegestag in Columbia, Barack Obamas Antwort auf Zynismus, Zweifel und Angst in den USA - dieses zeitlose Credo, das den Geist des Landes in drei einfachen Worten zusammenfasst: "Ja, wir können!"

Was die einen als durchsichtige Hoffnungs-Rhetorik, andere als aus der Not geborenen Schlachtruf begreifen, ist mehr als ein Wahlslogan. Es ist ein Gedanke, der seiner Weltsicht entspringt und der sich tatsächlich hervorragend in den drei Worten zusammenfassen lässt: "Ja, wir können."

Was ist so besonders an diesen drei Worten? Es sind ja schließlich nur Worte. "Worte sind keine Taten", versuchte Hillary Clinton während der TV-Debatte in New Hampshire die Erfolge Obamas zu relativieren. Tatsache ist: Es sind Worte, die in unseren Gehirnen etwas in Bewegung setzen. Die, genauer gesagt, neuronale Schaltkreise aktivieren, die Worten erst eine Bedeutung zuschreiben. Worte bestimmen, wie wir über eine Sache denken und infolgedessen handeln - also auch wählen.

Jedes Wort, das wir hören, aktiviert einen "Frame", am besten mit "Deutungsrahmen" übersetzt, der physisch in Form neuronaler Schaltkreise in unseren Gehirnen vorhanden ist. Alles, was wir über die Welt wissen, wird durch Frames strukturiert. Und weil unser Weltwissen höchst komplex ist, führt ein sprachlich erweckter Deutungsrahmen zu einer Reihe gedanklicher Schlussfolgerungen, die wir in ihrer Fülle nicht bewusst wahrzunehmen vermögen.

Der Frame, der durch die Worte "Wir können" in unserem Gehirn aufgerufen wird, beinhaltet folgende Ideen: Es gibt ein Ziel, das man erreichen will und kann, und zwar gemeinsam - nicht einer stellvertretend für die anderen, sondern in Kooperation. Um zu kooperieren braucht der Mensch Empathie, also die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Wer zusammen mit anderen etwas erreichen will, muss andere akzeptieren, auch Unterschiede respektieren. Also konzentriert man sich nicht auf Gegensätze, sondern auf solche Werte und Ideen - und politischen Ziele -, die man teilt.

All diese Ideen werden im Gehirn aktiviert, indem es die Bedeutung der Worte "Wir können" errechnet. Es sind Ideen, die mit politischen Werten zu tun haben. Und zwar mit Werten einer progressiven US-amerikanischen Weltsicht: Empathie, gegenseitige Verantwortung und Kooperation. Der Frame beinhaltet Konzepte von systemischer Politik und politischen Prozessen, die bei den Menschen beginnen - den "Grassroot"-Organisationen, den Bloggern, eben jedem Wähler, der durch seine Stimmabgabe Politik verändern kann. "Wenn wir zusammenfinden, können wir etwas erreichen", das ist das Motto des Senators aus Illinois. Seine offizielle Homepage empfängt den Besucher mit den Worten: "Ich bitte euch, zu glauben. Nicht nur an meine Fähigkeit, echte Veränderungen in Washington zu bewirken. Ich bitte euch, an eure zu glauben." Es ist leicht zu erkennen: Obama argumentiert stets innerhalb ein und desselben Frames.

Wo Obama von "Wir können" spricht, sagt Clinton: "Ich werde" und "Ich kann". Und so lautet dann auch ihr Slogan: "Hillary Clinton. Solutions for America". Also, die Person Clinton bietet "Lösungen für Amerika". Die New Yorker Senatorin verkündet: "Ich habe Strategien für den ‚day one'", den ersten Tag im Amt.

"Lösungen für Amerika", das erweckt einen Experten-Frame: Es gibt Probleme. Sie müssen gelöst werden und man kann sie nicht selber lösen. Es braucht einen rational denkenden Experten. Politik ist ein Geschäft, der Wähler sollte denjenigen Kandidaten einstellen, der die besten Lösungen anzubieten hat. In diesem Falle eben Clinton. Aber - auch das beinhaltet das im Gehirn aufgerufene Konzept - sie wird als Expertin für und nicht mit den Menschen Probleme lösen, durch eine Politik von oben nach unten. Der Frame schließt den Wähler (gedanklich!) aus dem politischen Entscheidungsprozess aus. Es ist keine "Wir gemeinsam"-Politik, es ist eine "Ich für euch"-Politik.

Sofort fällt auf, dass ihre sprachlichen Frames keine Werte beinhalten. Sie argumentiert in Konzepten, die mit rationalen Entscheidungen und dem Abwägen von Interessen zu tun haben. Weil sie, wie die meisten Demokraten in den USA, an den Mythos des rationalen Wählers glaubt: Alle Menschen denken gleich. Wenn man ihnen die politischen Fakten zugänglich macht, werden sie die Informationen vernünftig abwägen und im Sinne ihrer subjektiven Interessen wählen. Wählerinteressen lassen sich durch Meinungsumfragen erheben. Entscheidet der Wähler entgegen seines materiellen Interesses, dann aus einem einfachen Grund: Er hat nicht die relevanten Informationen. Und so folgt Clintons politische Kommunikation dem Motto: "The facts will set you free." Also: Rationale Entscheidungen durch Fakten, Fakten, Fakten.

Clinton und Obama teilen ein progressives Moralverständnis. Daraus ergeben sich ihre politischen Positionen. Unterschiede in Programmen bleiben meist Detailfragen. So legten etwa beide einen nahezu identischen "Stimulus-Plan" vor, ihre Lösungen für die aktuelle US-Wirtschaftsstagnation. Die meisten Demokraten in den USA begreifen allerdings ihre Anliegen - wie Umweltschutz, Sozialprogramme, gerechte Steuern und internationale Friedenspolitik - als voneinander unabhängige Themen. Und sind blind gegenüber der Tatsache, dass ihren einzelnen Positionen eine gemeinsame Weltsicht zugrunde liegt, mit den zentralen Werten "Empathie", "gegenseitige Verantwortung" und "Kooperation".