Die Bedeutungslosigkeit sozialer Ungleichheit

by Elisabeth Wehling, published in The European

Was überhaupt unter sozialer Ungleichheit zu verstehen ist, ist umkämpft. Umso wichtiger ist es, die eigenen Ansichten aktiv zu vertreten. Denn nur so wird Politik möglich. 

 

Es gibt keine Gleichheit. Kein Ei gleicht dem anderen, Gleichheit ist ein gedankliches Konstrukt, ein Kategorisieren ähnlicher Dinge als „gleich“ und nicht ähnlicher Dinge als „ungleich“. Und so gleicht auch kein Mensch dem anderen. Eine Politik, die anstrebt, Menschen einander gleich zu machen, ist nicht nur übergriffig, sie ist auch zum Scheitern verurteilt, wie uns die Geschichte lehrt.

Es gibt also keine Gleichheit. Was es aber gibt, ist das Gleich-behandelt-Werden, das Gleichermaßen-gut-behandelt-Werden. Hier hat die Politik ihren Auftrag. Hier scheiden sich die ideologischen Geister. Zum Beispiel, wenn es darum geht, das Problem der sozialen Ungleichheit zu fassen – ihre Ursachen und moralischen Handlungsaufträge zu definieren.

Soziale Ungleichheit an und für sich hat nämlich keinerlei (politische) Bedeutung! Zwar ist sie ein Fakt – Menschen agieren unter ungleichen sozialen und ökonomischen Bedingungen, haben ungleiche Einkommen, Wohn- und Lebensräume, Bildungs- und Gesundheitschancen. Jedoch: Fakten an und für sich sind für unser kognitives System ohne jede Bedeutung. Sie erhalten ihren Sinn immer erst durch Frames, also „gedankliche Deutungsrahmen“. Das ist eine der zentralen Erkenntnisse moderner Kognitionsforschung. Frames sind neuronal im Gehirn verankert, speisen sich aus unserer Welterfahrung, werden über Sprache aktiviert und wirken sich unmittelbar auf unser politisches Handeln aus, indem sie Fakten einen Sinn zuschreiben.

Nun, in der Politik erzählen Frames immer von einer moralischen Weltsicht. Denn hier lautet die Frage: Was ist angesichts der Faktenlage – wie etwa derjenigen sozialer Ungleichheit – die richtige und was die falsche Antwort?

Darauf gibt es in der Regel zwei Antworten. Denn in allen Gesellschaften gibt es grob skizziert immer zwei politische Weltsichten: die progressive, also die eher linkspolitische, und die konservative, also die eher rechtspolitische, Weltsicht. Wer ideologisch in der Mitte sitzt, dessen Moralmodell ist eine Kombination aus beiden, wie zahlreiche Studien zeigen. Wie sehen sie also aus, die zwei Geschichten von richtig und falsch angesichts der faktischen sozialen Ungleichheit in Europa und der Welt? Was bedeutet es für einen progressiven, was für einen konservativen Menschen, seine Mitmenschen gleich und gleichermaßen gut zu behandeln?

Stellen Sie sich eine Familie vor mit zwei Kindern, beide völlig verschieden. Jedes mit seinen eigenen Stärken und Schwächen, Herausforderungen, Ängsten und Hoffnungen. Was bedeutet es für Sie als Eltern, diese Kinder gleich zu behandeln?

Eine mögliche Antwort lautet: Die Kinder gleich und gleichermaßen gut zu behandeln, bedeutet, jedem Kind das zu geben, was es braucht, es seiner individuellen Eigenschaften und Bedürfnisse entsprechend zu schützen und zu befähigen. Jeder bekommt, was er braucht! Wer nach dieser Wertvorstellung seine Kinder erzieht und über Politik denkt, der fällt in der modernen Ideologieforschung in das „fürsorgliche“ Ideologiemodell, das auch progressiver Politik zugrunde liegt. Angewandt auf soziale Gleichheit bedeutet dieses Wertebild: Jeder Bürger soll gleichermaßen geschützt und befähigt sein, frei von Not seinen individuellen Lebensweg zu gehen. Das bedeutet, dass jeder entsprechend seiner individuellen Attribute geschützt und befähigt werden muss, sei es über gute, gemeinschaftlich finanzierte Bildung, ein offenes und humanes Gesundheitswesen oder das Verbot ausbeuterischer Arbeitsverhältnisse.

Eine andere mögliche Antwort auf die oben skizzierte Frage – wie gehe ich mit Kindern um, die sich nicht gleichen – lautet: Die Kinder gleich und gleichermaßen gut zu behandeln, heißt, jedem Kind genau dasselbe zu geben unabhängig von seinen individuellen Eigenschaften und Bedürfnissen. Darüber hinausgehende Dinge, die sie brauchen oder wünschen, sollen sie sich selbst verdienen. Jeder ist gleichermaßen frei, für sich selbst zu sorgen und sowohl zu bekommen als auch zu behalten, was er sich verdient! Wer nach dieser Wertvorstellung über Kindererziehung denkt und politisch agiert, der fällt in der modernen Ideologieforschung in das „strenge“ Ideologiemodell, das auch konservativer Politik zugrunde liegt. Angewandt auf soziale Gleichheit bedeutet dieses Wertebild: Jeder Bürger soll gleichermaßen frei sein, sich im Wettbewerb zu behaupten und so für sich zu sorgen – und zwar ohne Eingriff des Staats etwa über Regulierungen, Umverteilung oder Millionärssteuer, denn solche Form der Politik würde eine Ungleichbehandlung bedeuten: Menschen sind dann nicht mehr gleichermaßen frei, für sich selbst zu sorgen, und die Bürger werden auch nicht gleich gut behandelt. Menschen, die es sich nicht verdient haben, bekämen Extras, und das System des offenen Wettbewerbs, der die Selbstdisziplin und Eigenständigkeit der Bürger fördert, geriete ins Wanken.

Die progressive und konservative Wertvorstellung über einen gleichen und gleichermaßen guten Umgang mit Menschen füllen also das Konzept der Gleichheit unterschiedlich aus.

Und das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass sie zwei gegensätzliche Vorstellungen von den Ursachen sozialer Ungleichheit haben. Das progressive Weltbild umfasst die Idee systemischer Kausalität: Gegebenheiten sind immer das Produkt vieler, voneinander abhängender und sich gegenseitig beeinflussender Ursachen. Auf die soziale Ungleichheit übertragen bedeutet das zum Beispiel: Wer aus einer sozial benachteiligten Familie stammt, sowohl Frau als auch Migrantin mit mangelnden Deutschkenntnissen ist, ist gefährdet, in Armut zu leben. Das konservative Weltbild umfasst die Idee direkter Kausalität: Dinge haben einen einfach nachvollziehbaren Grund. Auf die soziale Ungleichheit übertragen bedeutet das zum Beispiel: Wer arm ist, der ist faul und muss härter arbeiten.

Der Begriff Soziale Ungleichheit im politischen Sinne – die Frage nach ihren Ursachen und Lösungen – hat also keine universelle Semantik. Soziale Ungleichheit ist ein Contested Concept. So nennen wir in der Kognitionswissenschaft Ideen, deren Bedeutung „im Kern strittig“ sind. Contested Concepts haben nur ein minimales Bedeutungsskelett, an dem sich unser Denken orientiert. Darüber hinaus gibt es keine universelle Bedeutung, wir staffieren die Idee über Frames, die unserer moralischen Weltsicht entsprechen, aus. Wer es nun in der Gesellschaftsdebatte versäumt, das Problem sozialer Ungleichheit gemäß seiner Wertvorstellung auszufüllen, kreiert ein massives Problem für seine politischen Anliegen – und zwar langfristig!

Denn über den Mangel entsprechender sprachlicher Frames baut er die eigenen Vorstellungen von richtigem und falschem Miteinander, von guter und schlechter Politik gedanklich – und damit in letzter Konsequenz gesellschaftlich und politisch – ab. Einfach ausgedrückt: Was nicht gesagt wird, das wird auch nicht gedacht. Und was nicht gedacht wird, das wird nicht getan. Dieses Phänomen, in der kognitiven Forschung Hypokognition genannt, stellt derzeit eine der dringlichsten Herausforderungen an die europäische Politik dar.